Leseprobe
Prolog
Die Kulisse erscheint wie gemalt. Über der Stadt lacht an diesem Junitag die Sonne und sorgt für ausgelassene Fröhlichkeit. Tausende Menschen flanieren über die Hessentagsstraße, die sich wie eine lange bunte Kette durch die Innenstadt schlängelt. Auf einer Bühne heizt ein Radiosender mächtig die Stimmung an. Wenige hundert Meter weiter zieht ein Hip-Hopper das jüngere Publikum mittels Sprechgesang in seinen Bann. Und auf dem mit den rot-weiß-blauen Stadtfarben geschmückten Marktplatz gibt eine Oldie-Band ihre Hits zum Besten.
Für den offiziellen Teil wird die Musik unterbrochen. Der Ministerpräsident hält eine lange Rede und der Bürgermeister auch. Sie bedanken sich bei allen, die das Ereignis möglich gemacht haben. Eine gefühlte halbe Stunde zählen sie die tollen Helfer auf.
Schlagartig ertönt lauter Gesang. „It´s all over now!“
Er schreckt hoch und nach einem kurzen Augenblick der Besinnung merkt er, dass er alles nur geträumt hat. Es ist der Radiowecker, der für die musikalische Untermalung sorgt. Die Rolling Stones auf dem Hessentag in Oberursel – das wäre auch zu schön gewesen.
„Was ist los mit dir, Liebling?“, fragt seine Frau sorgenvoll. „Du zitterst ja am ganzen Körper und bist schweißgebadet.“
„Ich hatte einen wenig schmeichelhaften Traum“, antwortet er halb verschlafen. „Es ging darin um den Hessentag.“
Er stellt den Radiowecker ab und starrt auf die Wand gegenüber.
„Da war ein stimmungsvolles Fest mit lauter glücklichen Leuten“, erzählt er. „Bei ihren Dankesreden haben die Politiker jeden genannt. Wirklich jeden.“
„Na also, was willst du noch mehr? Ist doch alles in bester Ordnung.“
„Eben nicht.“
Dann rückt er mit dem raus, was ihn am frühen Morgen ins Grübeln bringt.
„Mich haben die Redner mit keiner Silbe erwähnt.“
Erster Teil: Kaufen wir den Hessentag!
1.
Ein Zeitungsbericht bringt das Rathaus ins Wanken. „Millionendefizit beim Orscheler Hessentag“ steht da in riesigen Lettern geschrieben. Der Artikel strotzt nur so vor lauter Schreckensmeldungen. Mit den ersten Sätzen erfährt der Leser, dass der Verlust höher werden könnte als vorgesehen. Die Kritik des Steuerzahlerbundes bleibt nicht unerwähnt. Danach zieht der Redakteur genüsslich über den schleppend anlaufenden Vorverkauf bei einigen Veranstaltungen her. Am Schluss lässt er sich über fehlende Sponsoren aus, „und das obwohl dafür eigens ein richtiger Profi engagiert wurde.“
Der „richtige Profi“ heißt Charly Lengerich. Für ihn kommt die Veröffentlichung einer mittleren Katastrophe gleich. Der große, sportliche private Eventmanager wurde von der Stadt zum Berater für Sponsoring bei Hessens Megafest erkoren. Er gilt in Oberursel als Macher, trägt Maßanzug und fährt mit seinem riesigen Geländewagen durch die Stadt. Für ihn lautet die Devise „sehen und gesehen werden“. Ein Blender ist Charly nicht, vielmehr ein äußerst cleverer Geschäftsmann. Früher betrieb er einen Weinhandel, der die örtlichen Geschäftsleute mit exklusiven Flüssigpräsenten versorgte. In den Neunzigern merkte er, dass sich seine Kontakte zur regionalen Wirtschaft anderweitig versilbern ließen. Charly begann das Catering für kleinere Firmenfeste zu organisieren. Als vor über zehn Jahren plötzlich alles zum Event wurde, kam er dick ins Geschäft. Mittlerweile laufen größere Unternehmensveranstaltungen komplett unter seiner Regie; das Spektrum umfasst Hauptversammlungen genauso wie Jubiläumsfeiern. Gerne hilft er der populären Kultur: Mit guten Verbindungen zu finanzstarken Geldgebern hat er manchen renommierten Künstler in die Oberurseler Stadthalle gelockt.
Wie das Wort „Berater“ ausdrückt, soll Charly Lengerich dem Hessentagsbüro mit Rat und Expertise zur Seite stehen. Doch das ist graue Theorie. In Wirklichkeit kämpft er wenige Monate vor Beginn der zehntägigen Großveranstaltung direkt an der Front; er vermarktet einzelne prestigeträchtige Rahmenevents und das Gesamtereignis bei potenten Sponsoren. Die Verantwortlichen im Rathaus hätten auch nichts dagegen, wenn er im Zuge des Hessentags die eine oder andere Spende an Land zieht. Damit ließen sich Projekte anschieben, über die schon seit Jahr und Tag diskutiert wird. Selbstverständlich würden die Mäzene in ange-messener Form gewürdigt werden.
Insgeheim erhofft sich die Stadt Oberursel durch seine Aktivitäten nämlich kräftige Zusatzerlöse, um bei der Endabrechnung glänzen zu können. Schließlich hat das Stadtparlament bereits im Jahr vor dem Hessentag einen Rekordhaushalt verabschiedet, bei dem 13 Millionen Euro als Kredit aufgenommen wurden.
Als Gegenleistung erhält Charly zwanzig Prozent der Einnahmen, die er vermittelt. Bekäme er eine Million zusammen, blieben immerhin 200 000 Euro bei ihm hängen.
Das hört sich gut an. Nur im Moment sieht es überhaupt nicht danach aus. Entsprechend durchwachsen fühlt sich die allgemeine Stimmungslage an.
„Eine Unverschämtheit“, schimpft Charly Lengerich und meint damit den Beitrag in der Zeitung, der seine Fähigkeiten in Zweifel zieht. Er sitzt am Designerschreibtisch in der nach ihm benannten Event-Agentur „ChaLLenger“ am Epinayplatz und führt Selbstgespräche.
„Jeder, der mal ein Schulfest organisiert hat, glaubt, dass er Ahnung von Veranstaltungen hat – und die Journaille sowieso. Dieser inkompetente Schmierfink! In dem Artikel spielt er sich auf wie der liebe Gott. Als ob uns die Firmen mit ihrem Geld zuschmeißen würden ...“
Sein Ärger ist nur allzu verständlich. Gleich am frühen Morgen wurde er ins Rathaus bestellt und mit der bittersüßen Veröffentlichung konfrontiert. Beim Krisengespräch waren nochmals alle Szenarien durchgesprochen worden – mit dem sanften Hinweis, dass „Er“ mitverantwortlich sei, dass der finanzielle Worst Case nicht eintritt. Aufgeweckt durch die schlechte Presse wird am Abend sogar die Hessentagskommission außerplanmäßig zusammentreten. Das kleine Gremium aus einzelnen Stadtparlamentariern und Bürgern will die akute Lage diskutieren.
„Ich habe doch niemandem versprochen, dass die Einnahmen im Vorfeld nur so sprudeln werden“, kann sich Charly immer noch nicht beruhigen. „In den heutigen wirtschaftlichen Zeiten sitzt das Geld eben nicht mehr so locker. Da haben die meisten Unternehmen momentan andere Sorgen. Viele von denen sind froh, wenn sie ihre Mitarbeiter halten können. Die Leute in der Verwaltung stellen sich das verdammt einfach vor. Ein Anruf bei einem Geldsack, die Kasse klingelt und der Scheck wird mir nichts, dir nichts ausgestellt. Von wegen!“
Einen kleinen Seitenhieb kann er sich nicht verkneifen.
„Selber brauchen die doch Jahre, um die Finanzierung für das Hallenbad halbwegs auf die Reihe zu kriegen. Und dann wissen sie nicht mal, wann es mit den Bauarbeiten losgeht – mal im März, dann erst im September.“
In der Zwischenzeit hat Helena Sandberg den Raum betreten. Die schlanke, mittelgroße Dunkelhaarige besitzt in der Zwei-Personen-Agentur mehrere Jobs zu-gleich. Sie arbeitet als gut aussehendes Empfangskomitee für Gäste, nutzt ihre Redegewandtheit bei der Telefonakquise und ist die rechte Hand des Veranstaltungsmachers. Privat gehen beide getrennte Wege – obwohl sie ihn als starke Persönlichkeit anhimmelt und er nicht nur ihre äußere Erscheinung schätzt. Der Altersunterschied steht wohl einer Liaison entgegen, Helena ist Mitte zwanzig, Charly schon Ende vierzig. Zudem sind beide mit ihren Partnern glücklich liiert.
Helena besitzt das Talent, ihre Sprache und Mimik je nach Situation oder Gegenüber variieren zu können. Mal spielt sie das volkstümlich babbelnde Orscheler Mädsche, dann macht sie auf dynamische Agenturfrau in reinstem Hochdeutsch. Die Bandbreite reicht von forscher Schnauze bis zum unendlich teilnahmsvollen Blick.
„Oje, das sieht nach turbulenter Sitzung aus“, beobachtet sie messerscharf.
Nach dieser treffenden Bestandsaufnahme versucht sie ihn aufzumuntern.
„Na, wenigstens der Kopf scheint drangeblieben zu sein.“
„Du weißt ja, solche Großveranstaltungen bestehen aus drei Phasen“, erwidert Charly. „Das ist fast wie in einer Ehe – nur viel grausamer.“
Es folgt seine Standarderzählung. Die gibt er immer dann zum Besten, wenn eine Sache nicht so läuft, wie er es sich vorgestellt hat.
„In Phase eins haben sich alle furchtbar lieb und schweben auf Wolke sieben“, fährt er fort. „Nach einiger Zeit liegen erste Fakten auf dem Tisch und Phase zwei tritt ein, der Moment der allgemeinen Ernüchterung. Und am Ende kommt die dritte Phase, die Bestrafung der Unschuldigen.“
„Und wo befinden wir uns gerade?“
„Irgendwo zwischen Phase zwei und drei. Wir haben noch die Chance, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und auf ein Lebenslänglich zu hoffen. Für unsere Begnadigung müssen wir jetzt Gas geben. Ich habe gleich einen Termin mit Franz Hachinger – gemeinsames Mittagessen. Mal sehn, ob ich ihm heute ein paar Euro abluchsen kann. In der Vergangenheit hat er sich sehr spendabel gezeigt. Lass uns danach in einer Stunde zusammensetzen und ein Brainstorming abhalten.“
„Lebenslänglich“, lächelt Helena. „Das ist ja eine wunderbare Perspektive.“
„Ja, ein Leben lang die Deppen zu sein, die Oberursel beim Hessentag in den wirtschaftlichen Ruin geführt haben!“
2.
Charly marschiert über den Epinayplatz und geht die wenigen Meter in die Haupteinkaufsgasse „Vorstadt“. Er läuft durch die Fußgängerzone an den Geschäften vorbei in Richtung Ackergasse.
Wohin Charly geht und wie es mit dem Hessentag weitergeht, erfahren Sie im Buch.
Oberursel Dreamin'